Einen neuen musikalischen Kontinent entdeckt

Inder dirigiert Neujahrskonzert – habe indische Musik entdeckt – von Hindi-Pop bis zu ansprechender religiöser Musik – Bollywood – Bücher zu einem Drittel unserer Preise – grenzenloser Reichtum nur wenig mit Bildung verbunden

 

 

Habe mir heute einstündige Sendung „Inder mit Wienerherz“ über Zubin Mehta angesehen; über den Inder, der heuer das Neujahrskonzert dirigiert hat. Hätte erwartet, dass irgendwie Bezug auch auf indische Musik genommen wird, aber indische Klänge waren während der Stunde nur einige Sekunden zu hören. Mich hätten da Querbezüge und Vergleiche interessiert. Ich habe nämlich bei der Indienreise für mich nicht nur sozusagen überhaupt einen neuen Kontinent entdeckt, in dem doppelt soviel Leute wie in Europa in einer enormen Vielfalt leben, sondern im einzelnen etwa auch indische Musik. Bisher hatte mich das zugegebenermaßen nicht interessiert, weil ich fälschlicherweise solche Klänge mit irgendwelchen verschrobenen Mystik-Gurus verbunden hatte. Aber indische Musik ist eben sehr vielfältig, ziemlich präsent im Leben, und auch relativ wenig verwestlicht. In den indischen Fernsehprogrammen gibts rund um die Uhr diverse Musikprogramme, von Indische Musik entdeckt. Mein indischer Freund spielt automatisch Musik, wenn er am Laptop arbeitet, und auch die Musik, die sich Taxifahrer im Himalaya anhören, hat mich schnell angesprochen. Was ich nie irgendwo gesehen oder gehört habe, war klassische westliche Musik.

 

Was mich nicht erfasst hat, war die Zuneigung zu den umfassend präsenten und im gesellschaftlichen Leben ziemlichen bedeutenden Bollywood-Schinken (mit Ausnahme eben der neueren Musik, die damit verbunden ist). Mein Freund meint, das grundsätzlich Themen in Indien nur über das Bollywood-Schema Gute/Böse+Liebesgeschichte zu transportieren sein. Tatsächlich gibt es im Fernsehen – im Gegensatz zu China – wenig Dokumentationen oder historische Spielfilme. Kann aber Bollywood doch was Positives abgewinnen: immerhin wird Hollywood nicht einfach übernommen, wie in den meisten Teilen der Welt, sondern versucht einen irgendwie eigenen weg zu gehen….

 

Hindi als Sprache von mindestens etwa 600 Millionen spielt übrigens im Leben eine viel größere Rolle, als wir uns in Europa vorstellen. CNN hat etwa kürzlich auch einen Hindi-Kanal eröffnet (Englisch genügt offenbar auch im Informationsbereich nicht).

 

Laut Aussagen meines Freundes spielt für die wirtschaftlichen Aufsteiger, bzw. die schon erwähnten 300 Millionen InderInnen, die sich an europäisches Konsumniveau annähern, Bildung oft keine besondere Rolle; es geht um (demonstrativen) Wohlstand; offenbar nicht unähnlich wie bei uns. Nicht, dass Bildung und sinnvolles Handeln unbedingt einher gehen müssen, aber ein bisschen dürfte Bildung schon den Fortschritt erleichtern.

In den interessanten indischen Buchhandlungen betragen die Bücherpreise im Vergleich zu England meist nur ein Drittel. Österreich wird aber in der Regel nicht beliefert, das geht von England zu europäischen Preisen.

 

Mein Freund, der früher in Dubai arbeitete, meinte, dass es im neureichen Dubai nicht einmal Buchhandlungen, und auch wenig Bildungseinrichtungen gäbe. Ich präzisiere: Es gibt zwar schon „Buchhandlungen“, die sind aber eher einem Kiosk vergleichbar. Auch sowas wie Hochschulen gibt es in der Millionenstadt erst seit kurzem, und auch nur im weiteren Sinne. Aber der Scheich Mohammed ibn Raschid hat dafür 1200 Moscheen in der Stadt bauen lassen, die nicht zu überhören sind.

Zunächst irgendwie ernüchternd, dass fast grenzenloser Reichtum nur wenig mit Bildung verbunden ist, bei näherer Überlegung aber eigentlich nicht wirklich überraschend.