Warum mich Agrotreibstoffe (?Biosprit?) nur teilweise begeistern

Auf eine Anmerkung zum Biosprit „erfreulicherweise zurückgerudert“ in meinem Blog-Beitrag vom 30.1.08 reagierte Bernhard Schneider: http://baum.puon.at/blog/baum.php?memberid=3

Meine Meinung: Agrtreibstoffe können was bringen, wenn die Ökobilanz stimmt; derzeit verschärfen sie aber die globale Umweltlage durch den Druck auf den Regenwald und sie verschärfen auch die Ernährunglage für die Armen der Welt….

Lieber Bernhard Schneider!

Der Satz zum Biosprit „erfreulicherweise zurückgerudert“ in meinem Blog-Beitrag vom 30.1.08, ist natürlich sehr verkürzt und daher missverständlich. Angesichts der Länge des Beitrags und der Komplexität des Themas sind ist das auch noch andere Punkte tatsächlich zu kurz gekommen.

Danke für deinen Diskussionsbeitrag! (http://baum.puon.at/blog/baum.php?memberid=3
Ich habe mich in letzter Zeit auch mit der Frage der „Biotreibstoffe“ mehr beschäftigt und habe dazu mich auch auf einer Tagung umgehört („Wintertagung 2008 des Ökosozialen Forum“ http://www.oesfo.at/osf/?cid=23402 – Kurzfassungen) mir dort bei unterschiedlichen Beiträgen meine Meinung dazu vertieft.

Ausgangspunkt und wesentlich für mich ist die Einsicht, dass die Biomasse einfach begrenzt ist, wenngleich natürlich noch viel Potential besteht, und viel zu tun ist; aber die Biomasse ist letztlich nur ein kleiner Teil der Lösung der Energiefrage. Für wichtiger erachte ich Wind- und Sonnenenergie.

 Was ich konkret gemeint habe: Die EU hat im Ziel zur Verpflichtung von zehn Prozent Anteil Biosprit bei den Treibstoffen ein grundsätzlich zweckmäßig erscheinendes Ziel vorgegeben, doch stellt sich jetzt – sowohl von der Verfügbarkeit als auch von den ökologischen Bilanzen – heraus, dass dies nur mit sehr schwerwiegenden Nebenwirkungen möglich ist.
Das Ergebnis neuer Studien bestätigt, was sozialökologisch orientierte Wissenschaftler schon länger sagen: Agrarsprit („Biotreibstoffe“ ist als Wort eigentlich nicht angebracht, aber sei’s drum) ist o.k, wenn vor allem pflanzlicher „Abfall“ wie Stroh (und nicht die Früchte), wenn kein Kunstdünger verwendet, und wenn für neue Anbauflächen kein Wald gerodet wird.

Wenn wir die österreichische Situation betrachten, so sehen wir zunächst, dass der Biosprit derzeit hauptsächlich importiert werden muss; gut , das könnte sich noch ändern.
Die funkelnaheneue Biospritfabrik in Pischelsdorf bei Tulln war immerhin trotz aller Förderungen bisher eine Fehlinvestition, sie steht nach wie vor nach dem Probebetrieb, weil die Agrarrohstoffe so teuer geworden sind.

Viel schwerwiegender sind die internationalen Entwicklungen. Es ist unbestreitbar, dass vor Allem die Verspritung von Nahrungsmitteln in den USA Konsequenzen dahingehend hat, dass etwa die Maispreise in Mexiko um einige Dutzend Prozent in die Höhe gegangen sind und darunter vor allem ärmere Schichten leiden. Und da könnte weltweit noch einiges angeführt werden.

Die absolut negativste Auswirkung ist der weiter zunehmende Druck auf die Abholzung der wertvollsten Regenwälder. Die Regenwaldabholzung ist aus mehreren Gründen überhaupt eine der schlimmsten Entwicklungen, die unter allen Umständen gestoppt werden sollte, weil und leider Unwiederbringliches zerstört wird und das gewaltige Auswirkungen hat. Einerseits wegen der katastrophal für das Klima und zweitens – und das ist natürlich auch nicht neu – wegen der ebenfalls katastrophalen Auswirkungen auf die weltweite Artenvielfalt. Ausgestorbene Arten sind ein unwiederbringlicher Verlust. Die Artenvielfalt ist sowohl wichtig für die Möglichkeit der Anpassung von Ökosystemen an geänderte Bedingungen wie auch eine – meist noch unbekannte – Grundlage für zukünftige Rohstoffe, siehe das Interesse der Arzneimittelindustrie.

Allerdings gebe ich dir recht, dass auch Agrotreibstoffe, im Einzelnen durchaus sinnvoll sein können, wenn die Ökobilanzen stimmen, d. h., dass der Aufwand von Energie zur Erzeugung dieser Energie gering ist. Nach allgemeiner Einschätzung ist das derzeit allerdings nur auf lokaler Ebene bei einzelnen Projekten und in Brasilien im großen Stil bei der Verwendung von Zuckerrohr der Fall (weil dabei auch diverse „Abfälle“ verwendet werden).
Letztlich sollten auch öffentliche Mittel für erneuerbare Energien dort verwendet werden, wo sie am meisten bringen.
Und ich gebe dir auch recht, dass die Biotreibstofftechnologie der zweiten Generation, bei der – vereinfacht ausgedrückt – Zellulose und nicht Nahrungsmitteln verwendet werden, eine große Hoffnung ist.
Noch eins: Die Lösung für den Verkehrssektor kann nicht darin bestehen, dass Arnold Schwarzenegger mit Bioethanol seine Hummers fährt, sondern dass einerseits der öffentliche Verkehr als Basis ausgebaut wird und etwa auf Grundlage von Solarenergie ein Netz von Elektroautos aufgebaut wird wie derzeit für Israel geplant.

Abschließend: Ich sehe unsere Diskussion als schwierige Lagebestimmung auf dem Weg zu einem Ziel, das wir ähnlich sehen, das aber nicht leicht zu erreichen sein wird.

2 Kommentare zu „Warum mich Agrotreibstoffe (?Biosprit?) nur teilweise begeistern

  1. Lieber Josef,
    Du sprichst mir aus der Seele! Aber auch die Biotreibstofftechnologie der zweiten Generation ist meiner Meinung nach ein Weg in eine Sackgasse.
    Viele Grüße
    Erich Liehr

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  2. Die dauerhaft bedeutendste Energielösung für jegliche Mobilität wird irgendwann Photovoltaik sein. Biomasse wird dennoch dringend benötigt, um die zeitliche Lücke zu schließen, bis PV mit halbwegs vertretbaren Subventionen und energieeffizienter Ablauforganisation angeboten wird. PV-Technik ist ein von wenigen Konzernen angebotenes Hitech-produkt, dessen Markt dzt. so schnell wächst, das die Technologiepreise stark steigen. PV kann vielleicht in 20 Jahren in der Form solar erzeugten Wasserstoffs oder mit wesentlich verbesserten Batterietechnologien die führende Rolle als Transportenergieträger übernehmen. Bis dahin geht kein Werg an den Biotreibstoffen der 2. Generation vorbei – sie schaffen land- und forstwirtschaftliches Einkommen und sind mittelfristig noch als Gesamtprozess energieeffektiver als PV, deren Energieumwandlung im Fahrzeug nicht effektiv ist, nicht zuletzt auch wegen des Batteriegewichts. eine große Gefahr bei flächendeckenden Elektroautomodellen sehe ich darin, dass die dann letztlich doch wieder mit Atomstrom betreiben werden.
    Von "Abfällen" sollte man überhaupt nicht mehr reden, das ist Begriffsverwirrung, sondern von vollständiger Biomassenutzung.

    Biotreibstoff der 2. Generation ist schon mehr als nur eine Hoffnung. In Oberwart ist kürzlich der Kraft-Wärme-Kopplungs-Holzgasgenerator in Betrieb gegangen, der Krankenhaus und Stadtzentrum mit Wärme versorgt. In Güssing wird bereits Fischer-Tropsch-Diesel erzeugt. Man braucht nur ein paar jahre Geduld bis zur marktreife, und die Gefahr ist, dass die Medien vorher die ganze Szene wegen der ja wirklich ineffizienten Treibstoffe der 1. Generation einfch abdrehen.

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