Heute globale Getreidevorräte vor Ernten nur mehr für acht Wochen

Steigende Lebensmittelpreise, Hungerrevolten und die österreichische Landwirtschaft: Einige Eindrücke von der Wintertagung des Ökosozialen Forums – 3. und letzter Teil

Claus-Dieter Schumacher von der internationalen Agrarhandelsfirma Töpfer: „Seit den 90er-Jahren wird fast laufend mehr Getreide verbraucht als produziert.“ Das führte dazu, dass heute weltweit die geringsten Getreidebestände seit 50 Jahren anzutreffen sind. Vor den Ernten gibt es derzeit in etwa Bestände für acht Wochen. Sollten daher 2008 die Ernten schlecht sein, so dürfte es jedenfalls auf weltweiter Ebene kritisch werden. Die bekannten Spekulanten haben Nahrungsmittel als lohnendes Objekt entdeckt und sie heizen die Entwicklung und das Schwanken der Preise bedeutend an.

Schumacher prognostiziert, dass durch den Flächenengpass vor Allem die Pflanzenproduktion in der Landwirtschaft begünstigt wird, während die Fleischproduzenten die enorm gestiegenen Kosten etwas schwieriger überwälzen können.

Der frühere EU-Kommissar Fischler fordert daher, dass die Bauern vor diesen Schwankungen durch EU und österreichischen Staat abgesichert würden. – Doch besser als eine Versicherung durch die Öffentliche Hand wäre die Wiederregulierung der Finanz- und Agrarmärkte!
Dass ein Vertreter des Agrarhandels für die Zulassung von Gentechnologie ist, verwundert nicht so sehr, dass die EU aber immer mehr diesen Forderungen nachgibt, ist bemerkenswert. Für die nächsten Monate ist die Frage zur Zulassung von gentechnologisch produziertem Soja und damit ein Durchbruch der Gentechnologie auf der ganzen Produktionskette leider absehbar, wenn nicht Widerstand das aufhält.

Billa und Bischöfe lassen Agrarvertreter dumpf aussehen

Der Vertreter von REWE war eigentlich der, der von allen Regierungsvertretern bzw. Lobbyisten usw. überraschenderweise die positivsten Aussagen machte. Er sähe keinen Nettonutzen der Gentechnologie, er möchte die regionale Versorgung ausbauen, lange Transportwege vermeiden und sich gegen die internationale Spekulation absichern. In wieweit und mit welchen Mitteln das Rewe auch wirklich macht, das wäre interessant einmal genauer anzusehen. Und die Arbeitsbedingungen der Billa-Kassiererinnen zu beleuchten, wäre auch aufschlussreich.

Der Vertreter der Österreichischen Bischofskonferenz (für Aussenstehende überraschend als Teilnehmer bei einer Agrarkonferenz) gab einige sehr klare Statements, wie:
„Die agroindustrielle Produktionsweise hat schwerwiegende soziale Auswirkungen und verstärkt bestehende Ungerechtigkeiten sowie die Kluft zwischen Reichen und Armen.“
„Die agroindustrielle Produktionsweise bedroht die Ökosysteme.“
Und zu Agrotreibstoffen: „Wirtschaftliche und politische Interessen einer Minderheit bedrohen unter dem Vorwand des Klimaschutzes elementare Rechte von Menschen und (indigenen) Völkern.“
Die hauptsächliche und allzu gerechtfertigte Sorge der mittleren und höheren Bauernvertreter war demgegenüber, wie gegenüber der EU die Subventionen für eine nichtumweltverträgliche Landwirtschaft weiter zu begründen sind, wenn die Agrarpreise so stark steigen. Da sind sehr kreative Ideen vorgebracht worden und die kleinen Bauern, die ja von all dem kaum was haben, sind immer wieder ein dankenswertes Argument.

Die Bischofskonferenz und der Handelsgroßkonzern als Leuchten im österreichischen Agrardschungel, etwas erstaunlich, aber: Was hat´s, das hat´s! Wie weit ist es mit den berufsmäßigen Agrarvertretern gekommen?

Liegt die Landwirtschaft beim Klimaschutz gut?

Bei der Verantwortung der Landwirtschaft bei den Klimaemissionen wandte der Präsident der Landwirtschaftskammer Österreichs, Herr Gerhard Wlodkowski ebenfalls einen bewährten Trick an: Er meinte, die Landwirtschaft habe die CO2-Emssionen von 1990bis 1995 um 14 % gesenkt. Das stimmt, und zwar vor allem deswegen, wie es im letzten Klimaschutz-Evaluierungsbericht des Umweltbundesamts (Seite 25 und 68) nachzulesen ist, weil die Anzahl der Rinder zurückging, was jedenfalls sicher nicht wegen der Klimapolitik geschehen ist: „Die Reduktion der Emissionen (in der Landwirtschaft) resultiert besonders aus der Reduktion der Milchproduktionsmenge und der deutlichen Erhöhung der Milchkuhleistung je Kuh“. Und stimmt auch nicht, weil es missverständlich ist: Der Anteil der Landwirtschaft an den Gesamtemissionen ist in 15 Jahren um 2 %-Punkte von etwa 11 auf 9 Prozentpunkte gesunken, Und das ist immer noch ein um ein Vielfaches höherer Anteil bei den Emissionen als bei den Beschäftigten oder beim BIP ( dort nur rund 2% – wie schon erwähnt). Somit entspricht der geringe Rückgang schlicht dem Rückgang der wirtschaftlichen Bedeutung der Landwirtschaft.
Daraus folgt auch schlicht: Es gibt noch sehr viel Potential für Emissionsverminderungen in der Landwirtschaft, schlicht durch eine Gesamt-Ökologisierung

Dieser Bericht deckt nur einen kleinen Teil der Tagung ab. Nicht uninteressant ist auch die Forstwirtschaft, aber ich möchte hier keine weiteren Details z. B. zum Schweinemarkt mehr bringen. Und natürlich wäre noch viel mehr auch an positiven Konzepten zu berichten, doch darüber eventuell ein anderes Mal.

Siehe auch http://www.oesfo.at/osf/?cid=23402 – Kurzfassungen der Referate der Wintertagung des Ökosozialen Forums

Ein Kommentar zu „Heute globale Getreidevorräte vor Ernten nur mehr für acht Wochen

  1. Ich vermisse noch konkrete Fakten:
    Wie hoch war der Weizenpreis je Tonne zwischen 1960 und 2008,wie hoch war die Produktivität (to Weizen je ha) in Deutschland und Frankreich im selben Zeitraum. Gibt es noch eine Getreidevorratshaltung der Bundesregierung?

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