Als Groß- und Urgroßvater verhaftet wurden – vor 70 Jahren

Gestern vor 70 Jahren wurde mein Großvater in der Nacht aus dem Bett auf einen Lastwagen verfrachtet. Er sagte immer wieder bis zuletzt „Das wichtigste is, das ka Kriag is“. Dass einzige Haus ohne NS-Flagge. Großmutter: „Ich hänge höchstens die Trauerfahne aus“. Eine Wirtin stimmt mit Nein. Warum ein „Halbjude“ im Dorf überlebte.

 Gestern vor 70 Jahren in der Nacht hielt ein Lastwagen vor einem Bauernhof in Pixendorf im Tullnerfeld. Als etwa zur selben Zeit die Armee Nazi-Deutschlands die Okkupation einleitete, wurde mein Großvater aus dem Bett auf den Lastwagen verfrachtet. Dort fand er sich gemeinsam mit ähnlichen Leuten, wie auch meinen Urgroßvater. Sie wurden nach Tulln gekarrt. Die meisten wurden dann nach einiger Zeit wieder freigelassen, allerdings mit dem eindeutigen Hinweis, dass wenn sie auch nur noch ein Wort oder noch einen Muckser gegen die Nazis sagen würden, sie den Weg anderer gehen würden, nämlich nach Dachau.

In Tulln hatten dann die Nazis am Hauptplatz zur Verdeutlichung eine Puppe aufgestellt, die Leopold Figl – er kommt auch aus der Gemeinde Michelhausen-Rust, zu der Pixendorf gehört – mit einer Scheibtruhe „arbeitend“ in Dachau zeigen sollte.

Mein Großvater war vor allem deswegen zu einem Nazi-Gegner geworden, weil er den ersten Weltkrieg als Soldat erlebt und nur knapp überlebt hatte, und er buchstäblich in den Dolomiten fast verhungert wäre. Und so wie andere sagen „Das wichtigste ist die Gesundheit“, sagte er immer wieder bis zuletzt „Das wichtigste is, das ka Kriag is“. Und er hatte gesehen, dass Hitler auf Kriege hinarbeitete. Das hatte in den 30-Jahren zu Wirtshausraufereien mit den (illegalen) Nazis geführt. Bei denen letztere eher draufzahlten, wobei die Nazis – eine bittere Erkenntnis – sich vor allem aus ausgebeuteten Landarbeitern und Arbeitern rekrutierten.

Nun hatte sich der Wind gedreht. Der Großvater sagte angeblich tatsächlich dann 6 Jahre kein Wort mehr über die Nazis, überlebte, und wurde nach der Befreiung erster Bürgermeister. Meine Großmutter dürfte sich nicht ganz so zurückgehalten haben. Sie erzählte jedenfalls, dass sie – als der „Führer“ auf der „Reichsstraße“ (heute B1) im Triumphzug nach Wien fuhr und sie beflaggen sollte, den Nazis sagte, wenn, dann hänge sie maximal die Trauerflagge aus. Tatsächlich war das Haus das einzige im Dorf ohne Hakenkreuzflagge. Und als Jubel groß war, weinte sie. Auch die Wirtin, eine Frau Wallner, hatte trotz allgemeiner Hysterie öffentlich angekündigt, dass sie mit „Nein“ zum Anschluss stimmen würde (bei angeblich 99,75 % pro). Irgendwie dürften die Nazis im Dorf trotz einem (illegalen) Nazi als Dorflehrer auch gewisse Grenzen nicht überschritten haben, was sicher besonders war. So ist Fakt, dass ein „Halbjude“ im Dorf überlebte, ich kannte ihn auch noch, kann mich aber einfach nur erinnern, dass Herr Gerhard einfach ein netter Mensch war. Er wurde „Sodawasserfabrikant“ genannt, und füllte zusammen mit einem Arbeiter jedenfalls später Sodawasser und „Kracherl“ ab. Ohne Deckung durch örtliche Nazis scheint sein Überleben jedenfalls nicht vorstellbar.

Trotz schwierigster Umstände besteht also immer ein gewisser Handlungsspielraum. Auch ohne Heldenhaftigkeit kann die Würde bewahrt werden. Auch innerhalb von Zwängen gibt es Handlungsmöglichkeiten. Auch bei großen Schwierigektien gibt es Alternativen – daran musste ich gestern am Heldenplatz bei der großen Gedenkveranstaltung denken.