Glanzstoff aktuell und wie weiter

Ich habe mich, – vor allem, weil ich seit meiner Kindheit Leute kenne, die in der Glanzstoff arbeiten – und ich das wichtig finde – mit der geplanten mutwilligen Sperre des Betriebs, der Vernichtung von Werten unter Inkaufnahme der völligen Unsicherheit für hunderte Familien beschäftigt, und hab indirekt ein bisschen mitgeholfen, dass es jetzt eine Gegenwehr gibt. Ich werde daher irgendwie am Ball bleiben.
Hab einer Zeitschrift namens „Befreiung“ einige Fragen beantwortet (siehe unten):

Ein längerer guter Bericht über die Kundgebung am Donnerstag- zu dem nicht viel hinzuzufügen ist, findet sich auf

Der Kurier berichtete wiedersprüchlich, die „Krone“ positiv.
Ein Artikel findet sich auch auf http://www.kpoe.at/home/anzeige/article/2/2008-bringt-das-Aus-fuer-mehr-als-2000-Arbeitsplaetze.html>

1. Warum soll der Betrieb Glanzstoff in St.Pölten geschlossen werden? Der
Betrieb läuft doch eigentlich gut. Worum geht es also wirklich?

Die Probleme liegen weiter zurück. Das Unternehmen war seit Jahren einfach nicht gewillt die bestehenden Umweltgesetze nicht einzuhalten, und dadurch ihre Profite zu schmälern. Nun gab es vor einem halben Jahr einen Großbrand. Alle haben sich bemüht, das Werk wieder zum Laufen zu bringen. Und nun nimmt mitten im Sommer das Unternehmen die (zu erwartende) Bestätigung des Bescheids, dass die Umweltnormen für neue Anlagen auch für Glanzstoff gelten, zum Anlaß einfach Tschüß zu sagen. Dabei ist die Nachfrage nach den Produkten nach wie vor groß.
Der Eigentümer Grupp hat jahrelang hohe Profite aus der Arbeit der Glanzstoffarbeiter geholt, daher ist es nicht glaubwürdig, dass nun nach dem Brand auf einmal kein Geld für die bekanntlich schon längst notwendigen Umweltinvestitionen da sein soll. Wahrscheinlich ist daher, dass deswegen „kein Geld da“ ist,
* weil der Brand zum Anlass schon lang gehegter Pläne genommen wurde.
* weil das Geld unter dem Vorwand von Ökoauflagen nicht hier, sondern woanders investiert werden soll.
* weil man Kasse aus Immobilien machen möchte, denn der Werkgrund und viele Häuser um das Werk in St.Pölten stellen einen sehr hohen Wert daher.
Was die Kapitalgruppe um Cornelius Grupp allerdings wirklich vor hat, ist allerdings nicht ganz klar. Es kann auch sein, dass man sich – das soll ja schon vorgekommen sein, als zünftige Kapital-Dynastie gern die Umweltinvestitionen schenken lassen möchte? Immerhin hat Grupp schon eine Menge Betriebe und eine Menge an Investitionen mehr oder weniger auch von der öffentlichen Hand und freigiebigen Politikern fast geschenkt bekommen. Die Zeit wäre ja günstig vor einer Wahl.

2. Am DO, 24.JUli fand eine Protestaktion gegen die Schließung des Werkes
statt. Wie war die Kundgebung?

 

Die Kundgebung in St. Pölten war ein guter Start für weitere Aktionen. Das wesentliche ist, dass nach anfänglicher Lähmung die Glanzstoff-Beschäftigten selbst bzw. ein wesentlicher Teil den Kampf um ihre Arbeitsplätze damit aufgenommen haben. Kollege Band, der Feuerwehrkommandant in der Chemiefirma erklärte zunächst klar und bestimmt die Aktion, die von 6 Beschäftigten ausging. Trotz Regen und kurzfristigster Mobilisierung fanden sich insgesamt an die 100 Beschäftigte beim Werktor ein. Nun werden Unterschriften gesammelt, und in einigen Wochen soll es einen Zug durch die Stadt geben.
Auch der Betriebsratobmann, der noch vorher zur Vorsicht mahnte, und auch der Vertreter der VP im Betriebsrat brachten schließlich ihre Solidarität zum Ausdruck.

3. Wie verhält sich die Gewerkschaft zum Ganzen? Tut Sie etwas?

Die anfängliche Konzentration auf Sozialpläne, und damit das Akzeptieren der Schließung ist zumindest zurückgedrängt. Bekanntlich prägt das Sozialpartnerschaftsdenken breitere Kreise der Gewerkschaft. Gerade in diesem Fall wird aber zunehmend klarer, dass das leicht zur schiefen Ebene werden kann. Das Vorgehen der Kapitalseite ist offensichtlich generalstabsmäßig geplant. Mit den wahren Absichten wurde und wird offenbar nur teilweise herausgerückt. Daher reifen auch bei Gewerkschaftlern die Einsichten, dass hier mit einer nur mehr mit einer klaren Gegenstrategie auf solidarischer Basis Erfolge möglich sind. Ich glaube, dass es bei Unterstützung von außen und bei überregionaler Unterstützung möglich wäre Mut zu machen und in koordiniertere Aktionen einzusteigen.
Manfred Bauer hat mit Koll Artmäuer, dem jetzigen Vorsitzenden der Chemiearbeiter und früheren Zentralsbetriebsrat bei Semperit ein Buch über den „Fall Semperit“ herausgegeben. Ich glaube, dass Koll Artmäuer und einige anderen klar ist, dass sich – ohne Aktionen – sich in St. Pölten wiederholt, was er in Traiskirchen erlebt und beschrieben hat: wie nämlich ein gut gehender Betrieb planmäßig abgeräumt und verlagert wird.
Auch durch die Urlaubszeit ist derzeit etwas Pause. Ich glaube, dass nach der Unterschriftenaktion und nach einer weiteren Verhandlung im August und September die Stunde der Wahrheit kommt.

4. Was müsste deiner Meinung nach noch getan werden?

Glanzstoff hatte und hat eine hohe Bedeutung für die niederösterreichische Zentralregion. Praktisch und auch symbolisch. Das Werk wurde in der Zwischenkriegszeit in der Wirtschaftskrise stillgelegt. Nach dem Krieg von den ArbeiterInnen wiederaufgebaut, und hatte im Betriebsrat bis in die 80er Jahre immer wieder Mehrheiten des Gewerkschaflichen Linksblocks bzw. seiner Vorläufer. Glanzstoff war immer wieder Schrittmacher von breiteren Aktionen im Interesse der ArbeiterInnen, und zahlt auch etwas überdurchschnittliche Löhne. Noch vor einigen Jahren hatte übrigens der GLB 2 Mandate. Früher waren es einmal 1600 Beschäftige und in den 90erJahren noch an die 1000. In den letzten Jahren wurde aber schon massiv abgebaut und verlagert.
Etwa die Hälfte der ArbeiterInnen haben übrigens „Migrationshintergrund“, vor allem türkische Familien arbeiten nun schon in mehreren Generationen hier. Die Beziehungen zwischen Arbeitern waren durchaus immer solidarisch. Die meisten Türken habe als angelernte Chemiearbeiter am Arbeitsmarkt am wenigsten rosige Chancen, und sind daher auch am meisten betroffen.

Auch die Beschäftigten haben Trümphe. Denn der Konzernherr hat zwei Dinge nicht bedacht:
* Auch umgekehrt ist die Zeit vor der Wahl für die Beschäftigten günstig, auf die Politiker Druck auszuüben.
* Und auch Herr Grupp und sein Konzern mit 5600 Beschäftigten ist nicht unempfindlich gegen Druck. Er will doch sicher nicht mit anderen Produkten, wo er gut in der Öffentlichkeit dastehen möchte (Prefa -Dach -„Stark wie ein Stier“), vielleicht Einbußen erleiden.

Jetzt sollte einmal die Unterschriftenaktion auch über St.Pölten hinaus unterstützt werden. Wichtig wäre auch die einseitige Berichterstattung in den Medien im Interesse des Konzernherrn und der mit ihm eng verbundenen niederösterreichischen Politiker durch Leserbriefe und dergleichen zurückzudrängen. Und dann sollte der geplante Marsch durch St. Pölten unterstützt werden.
Wahrscheinlich wird es sinnvoll sein zusätzlich zur unabhängigen Plattform der Beschäftigten ein Soli-Komitee zu gründen, in Kooperation mit Betriebsräten, Gewerkschaften usw.