Angeregte Ideenfindung für Bahnhof Unterpurkersdorf läuft auf Hochtouren

Irgendwie ein sehr gutes Gefühl: wenn man anläßlich einer sich abzeichnenden negativen Entwicklung – die Verwertung des Bahnhofareals Unterpurkersdorf durch Banken und Immobilienfirmen wurden von Medien und Bürgermeister in den Raum gestellt – Widerstand leistet, positive Ideen mit anderen entwickelt, dafür eine Veranstaltung organisiert, und dann genau diese Richtung eingeschlagen und umgesetzt wird, und hunderte Leute hier ihre Kreativität einbringen. So geschehen gestern.

Über 300 Architektur-Studentinnen von der TU-Wien versammelten sich am 13.10.2008 im Purkersdorfer Stadtsaal. Im Rahmen des Lehrbetriebs der TU-Wien entwickeln hunderte StudentInnen Ideen und Pläne für freiwerdende Teile am Bahnhofareal Unterpurkersdorf . Insgesamt 28 BetreuerInnen stehen jeweils 14 StudentInnen dabei in Gruppen zur Verfügung. Neben Prof. Raith und VertreterInnen der Stadtgemeinde waren auch DI Martin Schefflinger vom ÖBB-Immobilien-Management und Manfred Sieber von der ÖBB-Infrastruktur anwesend. Diese begrüßten diese Ideenfindungsprojekt sehr.

Die ÖBB gibt als Vorgabe nur, dass zur Bahn ein Abstand von 5m sein soll und die Lärmschutzfrage gelöst sein soll, auch ein Übergang über die Bahn oder eine Unterführung soll geschaffen werden. Dieser soll den jetzigen Steg ersetzen, aber dies muss laut ÖBB aber keine Straße sein.

Die Arbeiten sollen in einem halben Jahr ausgestellt und auch prämiert werden.

Liste Baum& Grüne haben in einer Veranstaltung am 15. April Univ. Prof Raith (und auch Sebastian Beiglböck sowie Sabine Bartscherer) eingeladen gehabt. Es war eine sehr gute Diskussion. Dort wurde unser Vorschlag nach einem offenen Ideenfindungsprozess und Bearbeitung durch StudentInnen aufgegriffen und auch vom anwesenden Finanzstadtrat unterstützt. So ging das seinen Weg, wenn auch bei der „Adoption“ durch den Bürgermeister die Herkunft immer wieder vergessen wird. Sei’s drum.

Verkehr weiter zentral für Unterpurkersdorf

Die Fakten:

Die ÖBB werden etwa um 2012, wenn der Wienerwaldtunnel und die Strecke über das Tullnerfeld benutzbar ist, ca. 30000 m2 Grund im Bereich des Bahnhofs Unterpurkersdorf nicht mehr nutzen. Die zukünftigen Gleise sollen mit der Begründung eines ordentlichen Radius für die Kurve der Eisenbahn zum Zentrum hin weitgehend am nördlichen Rand des jetzigen Geländes verlaufen. Das voraussichtlich freiwerdende Areal liegt somit im wesentlichen südlich davon und ist etwa 800 m lang und bis 35 m breit. Es liegt in Masse westlich des bisherigen Bahnhofgebäudes.

Die Bahn prägt und entwickelt Purkersdorf seit ihrer Existenz. Der große Bahnhof Unterpurkersdorf ist eben eine zentrale Verkehrseinrichtung und der Verkehrsgesichtpunkt sollte sinnvollerweise weiter im Mittelpunkt bleiben: Die Bahn und dieser Bahnhof wurden vor der Ölzeit nicht ganz zufällig dort gebaut. Die Ölzeit drängte den öffentlichen Verkehr zurück, doch sie geht bekanntlich dem Ende zu. Auch Purkersdorf wird sich auf die Nach-Ölzeit einstellen müssen, ein ganz wesentlich dabei ist die Organisierung eines menschen- und umweltfreundlichen Verkehrssystems. Der öffentliche Verkehr wird dabei jedenfalls wieder ein größere Rolle spielen, aber es wird ein neuer sein: mit guten Busanbindung, mit Verteilerbussen, mit Elektroautos oder sonst neuen Entwicklungen. Dafür werden wir jedenfalls (wieder) viel Platz brauchen, und genau die Funktion des Areals als regionales Kettenglied in einem neuen Verkehrsystem.

Konkreter: In Zukunft werden – wie bisher, aber durch die neue Lage mit dem Wienerwaldtunnel besser nutzbar – 4 Gleise bis Unterpurkersdorf, und von dort 2 Gleise Richtung Westen. D. h. bis dahin kann ein relativ dichter öffentlicher Zugsverkehr sicher gut organisiert werden. Die Frage ist dann: was ist ab dort? Denn im Einzugsbereich von Unterpurkersdorf und Purkersdorf wohnen etwa ein Viertel der PurkersdorfInnen, aber auch die anderen wollen gut angebunden sein. Und wir wollen auch Angebote für die Leute zu. B. aus Gablitz machen: Sie sollen weniger durch Purkersdorf durchfahren, und mehr hier von Bus, (Elektro)Auto usw. umsteigen. Dem wird entgegengehalten, dass durch den Wienerwaldtunnel ja ohnehin die 2 Gleise durch Purkersdorf ziemlich frei sein werden. Das ist allerdings nur der Fall, wenn wir weiter in die Klimakatastrophe fahren. Wenn wir auch nur einen Teil des gigantischen LKW-Transit -Verkehrs auf die Schienen bringen wollen (viele Worte, kaum Taten!), dann werden auch weiter sehr viele Güterzüge durch Purkersdorf rollen. Das gefällt mir persönlich nicht unbedingt, da ich an der Bahn wohne, aber wir sind halt der Durchgangsweg. Und die Westbahn wird durchgängig 4-spurig gebaut, und da sind wir eben 2 Gleise davon.

Darüber hinaus wird sich in einem weniger auf LKW’s ausgerichteten Transportsystem die Frage stellen, wo Verladungen von der Bahn weg passieren. In der ausgehenden Ölzeit gibt es außer eventuell Neulengbach keinen Güterbahnhof mehr zwischen St. Pölten und Wien-Speising. In der Nachölzeit wird sich aber sicher wieder die Frage nach mehr und damit neuen Bahnfracht-„Terminals“ stellen, und viele Möglichkeiten gibt es an der jetzigen Bahn zwischen Neulengbach und Wien ja nicht. Diese Einsicht mag zwar die Bahnplaner nicht freuen, aber das sollte auch bei der Ideenfindung berücksichtigt werden.

Erfolg: Straßenquerung doch nicht als Vorgabe

Liste Baum& Grüne hielten die Vorgabe einer Straßenverbindung von Wintergasse und Bahnhofstraße für Planung für falsch. Genau das stand aber in einem Protokoll einer Vorbesprechung, an der auch der Bürgermeister teilgenommen hat („Vorgabe der Gemeinde: Verbindungsstraße zwischen Bahnhofstraße und Wintergasse“). Eine Verbindungsstraße kann und soll natürlich geprüft werden, dabei sollen aber auch die weiträumigen Folgen für den Verkehr in Wintergasse in Betracht gezogen werden. Jedenfalls sollte eine Straße keine Vorgabe sein. Der Bürgermeister schwenkte erfreulicherweise auf der Veranstaltung nun darauf ein: Er sagte, dass es von Seiten der Gemeinde keine Vorgaben gibt. Er meinte nur, dass er so was schon gerne hätte. Und er brachte wieder seine Lieblingsidee eines neuen Bahnschrankens über die Westbahn ins Spiel. Was bei Eisenbahnexperten übrigens immer wieder für Heiterkeit sorgt, weil neue Schranken praktisch kaum mehr gemacht werden, und dies auch wenig bringt, wenn er großteils geschlossen ist.

Der Bürgermeister meinte auch, und wir haben das ja auch schon früher diskutiert, dass auch für Grünflächen und Infrastruktur vorgesorgt werden solle. Er könne sich etwa auch ein Hotel vorstellen..

Vision: Hauptstadt des Wienerwalds

Der Bürgermeister stellte die Raumordnung in Purkersdorf als besonders ökologisch orientiert dar (Motto: „Jeder Metzger lobt seine Ware“), was aber beim konkreten Areal zu beweisen wäre: Allein die jüngste Fehlentscheidung mit der Kindergartenstandortwahl weg vom Zentrum und der groteske Mega-Fehlentscheidung mit den Einzel- und Reihenhäuser aufgrund eines Notgrundverkaufs durch die Gemeinde nördlich der Bahn in Unterpurkersdorf haben ja die anstehenden Planungsmöglichkeiten deutlich eingeschränkt: Bei Einbeziehung dieses Areals hätte man jetzt noch wesentlich mehr sinnvoll beplanen können. Spätestens jetzt müsste eigentlich dämmern , dass die Einzel- und Reihenhäuser auf früherem Gemeindegrund eine sündhafte Grundverschwendung waren.

Jedenfalls beteuerte der Bürgermeister, das er bei den weiteren Entscheidungen nach der Ideenfindung einen breiten Konsens, auch mit der Bevölkerung finden will. Bezüglich Holzlagerplatz meinte er überraschend, dass er sich bisher leider erfolglos mit ganzer Kraft um die Verlegung bemüht hätte (genau das Einsetzen für eine Verlegung hatte er bisher als zwecklos bezeichnet), und in 10 Jahren vielleicht doch ein Erfolg möglich sei.

Ich brachte noch als Vision für die StudentInnen ein, dass Purkersdorf als „Hauptstadt des Wiener Walds“ sei oder werden kann. Angesicht Biosphärenpark, seiner Verwaltung derzeit von Purkersdorf aus, der zentralen Lage und auch der Erreichbarkeit wäre der Kurs auf sozialökologische Pionierstadt mit einem entsprechenden Bauwerk naheliegend.