Fiel die Sonne vom Himmel? Zu Jörg Haider

Bei jedem Sterbefall ist Trauer zur Person und Beileid für die Angehörigen angebracht, und so soll es auch bei einem Menschen wie Haider sein.
Bizarr und unglaublich ist aber, was da an Medien- und Politinszenierung gelaufen ist: „Die Sonne ist vom Himmel gefallen und die Uhren sind stehen geblieben an diesem 11. Oktober“, sagte der

voraussichtliche Nachfolger als Landeshauptmann (Im „Profil“ tat dieser übrigens auch freimütig kund, dass er bisher in seinem Leben noch keine Zeit gehabt hätte sich mit dem Nationalsozialismus zu beschäftigen). Und Kanzler Gusenbauer forderte sogar zur „Versöhnung“ mit Haider auf. Zugegeben Haider war für mich nicht der „Lebensmensch“. Ich finde Haider persönlich als einen tragischen Fall, aber warum soll ich mich bitte mit dem, wofür Haider gestanden ist, jetzt anfreunden? Das politische Establishment setzt damit das fort, was es seit über 20 Jahren gemacht hat: statt klarer, aber auch nicht übertriebener Auseinandersetzung: Anbiederung und Vereinnahmungsversuche (wohl jetzt von seinen WählerInnen).
Ich sehe auch nicht, was Haider für Kärnten Besonderes gemacht hat, was nicht auch woanders ähnlich verlief; sicher spielt das Parteibuch heute z. B. in Kärnten ewtwas weniger Rolle als vor 20 Jahren, aber tendenziell ist das mit Ausnahmen wie etwa NÖ auch woanders der Fall.

Rein objektiv – dazu hab ich einmal eine Arbeit gemacht – liegt Kärnten im Österreichvergleich konkreter Kennziffern von Einkommen, Arbeitsplätze usw. meist sehr weit hinten, oder an letzter Stelle. dafür zeichnet haider auch verantwortlich, zwar nicht allein; aber er hat daran auch nichts wesentliches verändert; dafür hat er umso mehr „symbolische Politik“, Events und Show,gemacht, bis zum letzten Tag.

Ja er hat sich sicher für viele eingesetzt: Das machen aber viele Politiker und viele sehen was besonderes oder Gnade darin, dass ein Politiker ihnen auf Kosten von Steuergeld was zukommen lässt. Sozusagen eine Stellvertreterpolitik ohne wirklich demokratisch handelnde Menschen. Das System sollte aber so sein, dass keine „Gnade“ notwendig ist, um die man bitten muss, und die ein Prominenter gewährt; sondern PolitikerInnen sollten ein „gerechtes System“ schaffen, in dem quasi ein Anspruch auf Gerechtigkeit besteht.

Dass fast das ganz österreichische Establishment noch einmal für Haider aufmarschiert ist, zeig nicht zuletzt bildhaft sehr schön, dass er Teil des bestehenden Systems, und nicht sein fundamentaler Gegner war. Er kanalisierte Protest und stabilisierte das System letztlich.
Ich lernte Haider auf der Uni noch mit linksliberalen Ansagen kennen. Doch der Wind drehte sich. Und nach den 70er Jahren waren schnell „Schuldige“ für die geringen oder überhaupt fehlenden Einkommenszuwächse zu finden, wenn man nicht das System als solches in Frage stellen wollte. Jetzt aber – und damit komme ich an den Ausgang mit der Finanzkrise zurück, und versöhne mich eventuell doch noch irgendwie mit Haider – könnte heute ein aufstrebender Jugendaktivist die Ursachen für Missstände nicht in Slowenen oder „Ausländern“ finden, sondern leichter in den Wurzeln: im Bauplan unseres Wirtschaftssystems.