Soll die Stadt zum Dorf werden? Das Dorf zur Stadt?

21.10. 19.30 h stattLAND: Wieviel Dorf braucht die Stadt? – Soll die Stadt zum Dorf werden? Das Dorf zur Stadt? Es diskutieren: Rainer Rosegger (Soziologe, „Stadtteil im Umbruch“ Lend/Gries sowie Mediations-prozess re-design Eisenerz), Josef Baum (Regionalökonom), Hemma Geitzenauer (Musikerin), Gabi Stöger (Kulturvermittlerin, Initiatorin des Lebendigen Textilmuseums Großsiegharts), Sonia Leimer (Künstlerin; aktuelles Projekt „Elseworlds“ am Silo von Laa/Thaya) sowie Fritz Gall (Verein zur Verwertung von Gedankenüberschüssen in Herrnbaumgarten). Ireny Suchy (Ö1) liest ihren Essay „Das Strasshof meines Lebens“

Veranstaltungshinweis
Aktionsradius Wien / 21 Okt. 2008

stattLAND: Wieviel Dorf braucht die Stadt?

Soll die Stadt zum Dorf werden? Das Dorf zur Stadt?
„Ich bin noch immer in Trattenbach und bin nach wie vor von Gehässigkeit und Gemeinheit umgeben. Es ist wahr, dass die Menschen im Durchschnitt nirgends sehr viel wert sind; aber hier sind sie viel mehr als anderswo nichtsnutzig und unverantwortlich. Trattenbach ist ein besonders minderwertiger Ort.“ Der Stadt-Land-Konflikt generiert(e) manchmal die Eskalation der Emotion in einem in die „Kampfzone“ geratenen Menschen. Die zitierte Dorfbeschimpfung stammt von Ludwig Wittgenstein. Er wirkte in verschiedenen Gemeinden Niederösterreichs als Volksschullehrer, bevor er als Autor des Tractatus logico-philosophicus weltbekannt wurde.
Bestimmte gesellschaftliche und ökonomische Konstellationen bewirken, dass – aus der Sicht des Dorfes – die Stadt der Ort der Minderwertigkeit ist. Wir zitieren aus einem Weinviertler „Bauerngebet“ aus dem Jahr 1947 als Beispiel eines von konservativen und provinzlerischen Bauernfunktionären geschürten anti-urbanistischen Ressentiments: Lieber Herrgott, hilf uns Bauern / lass die Zeit noch länger dauern / wo uns diese Wiener Deppen / die schönsten Sachen außaschleppen / Wo uns diese gscherten Stoffeln / für an Rucksack voll Kartoffeln / dankbar hundert Schilling zahlen / und uns um den Hals noch fallen / Wo sie uns für Kraut und Zwiefeln / honoriern mit Röhrenstiefeln / und für a Patzerl Abschöpf-Fettn / Vater unser für uns beten / (…) Wenn wir dann beim Ofen sitzen / und am Feld die Wiener schwitzen / dann is endlich für uns Gscherten / ´s Himmelreich auf dieser Erden.
Unter dem Titel stattLand werden ein Monat lang die verschiedensten Aspekte des Verhältnisses von Urbanität und Dörflichkeit in verschiedenen Medien (Diskussion, Musik, Film, Foto, diverse Crossovers und eine „Stadtflucht“ nach Mistelbach) beleuchtet. Konflikte nicht verdeckend, gilt unsere Hauptaufmerksamkeit der möglichen Synthese: Wo macht es Sinn, dass das Dorf städtisch wird? Wo macht es Sinn, dass die Stadt zum Dorf wird?
Was über die KünstlerInnen im Allgemeinen und speziell über die bildenden KünstlerInnen gesagt wurde, dass sie nämlich den selbstbestimmten Rhythmus des Ortswechsels Land-Stadt-Land-Stadt zur Quelle ihrer Kreativität machen, gilt selbstverständlich auch für Musiker. Auch sie scheinen Avandtgardisten der „Aufhebung“ des Stadt-Land-Antagonismus zu sein.
So unterschiedlich die zwei Abschlusskonzerte unseres Oktober-Schwerpunkts sind: Sowohl die Uganda-Kanada-Fusion Herbert Kinobe und Michael Waters als auch das Projekt FRUFRU unter der Federführung der Slowenin Maja Osojnik arbeiten mit dem Material der Städte und der Dörfer. Kinobe kennt als Wandermusiker die abgelegensten Dörfer des afrikanischen Kontinents – und die brodelnsten urbanen Zentren. Waters, in abgelegenen Wäldern British Columbias aufgewachsen, hat zu einem ausgesprochen urbanen Stil gefunden, den er „Acoustic Psychedelic Chill“ nennt. Maja Osojnik geht dezitiert auf das Thema ein – mit ihrer Komposition „Die glückliche Kindheit am Dorf“. Dienstag, 21. Oktober
Stadt ins Dorf? Dorf in die Stadt?
Podiumsdiskussion

„Heute gibt es das Land als abgeschiedenen und in sich geschlossenen Mikrokosmos eigentlich nur mehr in österreichischen Tatort-Folgen, die stets auf besondere Milieu-Intensität setzen. Dabei werden dann aber vor allem die traumatisch-neurotischen Seiten des Dorflebens abgebildet, wenn etwa der Pfarrer während der Beichte sich an der jungen Maid vergreift, und alle wissen es, halten aber vom Apotheker über den Tierarzt bis zum Bürgermeister still …
In der Wirklichkeit ist der Stadt/Land-Gegensatz heute gerade keiner hermetisch getrennter Welten mehr. Durch vielfache mobile Ausnutzungs- und Parasitärbeziehungen sind beide eng miteinander verflochten. Und ob einer in der Stadt oder auf dem Land wohnt, ist kein lebenslanges Schicksal mehr, sondern eine Frage der Optionen. Urbanität und Provinzialität sind bewegliche Lebensformen geworden, die man von einer biografischen Etappe zur nächsten wechseln kann.“
Das war in der Süddeutschen Zeitung zu lesen. Stimmt das Bild der österreichischen Tatort-Autoren – oder stimmt der Befund des deutschen Qualitätsblattes? Wenn erstere recht haben: Könnte die Stadt von den möglichen Trümpfen des „typischen Landlebens“ profitieren? Oder umgekehrt?

Darüber diskutieren: Rainer Rosegger (Soziologe, „Stadtteil im Umbruch“ Lend/Gries sowie Mediations-prozess re-design Eisenerz), Josef Baum (Regionalökonom), Hemma Geitzenauer (Musikerin), Gabi Stöger (Kulturvermittlerin, Initiatorin des Lebendigen Textilmuseums Großsiegharts), Sonia Leimer (Künstlerin; aktuelles Projekt „Elseworlds“ am Silo von Laa/Thaya) sowie Fritz Gall (Verein zur Verwertung von Gedankenüberschüssen in Herrnbaumgarten). Ireny Suchy (Ö1) liest ihren Essay „Das Strasshof meines Lebens“ und berichtet über die heftigen Reaktionen auf die Veröffentlichung im Presse-Spectrum (19. Juli 2008). Moderation: Thomas Rottenberg.
Dienstag, 21. Oktober
Beginn: 19.30 Uhr, Eintritt: frei
Ort: Aktionsradius Wien | 1200 Wien, Gaußplatz 11, Tel. 332 26 94,

Genaueres
 http://www.aktionsradius.at
http://www.aktionsradius.at/presse/10-2008/programm-10-2008.htm