Papst:: Lichtgestalt oder was?

Da ich die letzten Tage (halb)krank war, hab ich mir die Papstsachen im Fernsehen angesehen, und – manche werden lächeln – die Sache hat mich irgendwie eingenommen; ich habe einige Zeit damit verbracht mir ein Bild zu machen.

 Und ich schicke voraus, dass ich grundsätzlich das Glas lieber halbvoll als halbleer sehe möchte.

 Insofern hat mich die Art des Auftretens und vor allem die Franziskus-Ansage schon beeindruckt, obwohl ich nicht mehr Mitglied des Vereins bin. Franziskus ist ja nicht nur eine Ansage für die Armen und die Toleranz, sondern auch für die Umwelt. Dann kam der Schlag mit der zumindest unklaren Haltung während der Militärdiktatur. Mich berührt es irgendwie mehrfach: weil bei uns ja gerade der Jahrestag der Nazi-Annexion ist; weil ich 1978 in Kuba Montoneros kennenlernte, die die Militärdiktatur bekämpften.

Einen guten Hintergrund gibt z. B.: http://www.globalresearch.ca/washingtons-pope-who-is-francis-i-cardinal-jorge-mario-bergoglio-and-argentinas-dirty-war/5326675

Oder: http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/der-papst-und-die-junta-ich-habe-getan-was-ich-konnte-a-888990.html

 Dass vor allem der höhere Klerus in Argentinien das Militärregime, das 1976 bis 1983 etwas 30000 Leute verschwinden hatte lassen, gestützt hat, ist ziemlich unbestritten. Allerdings sagt der Friedensnobelpreisträger Esquivel, dass Bergoglio nicht mit den Militärs kooperiert hätte.

Die Sache ist vielschichtig. Der Kern zur Papstvergangenheit: Es gibt ein Buch „El Silencio“ nicht von irgendjemanden, sondern des „Starjournalisten“ Horacio Verbitsky aus 2005, wo die Kollaboration breiter Teile Kirche mit der Militärdiktatur belegt wird. Die Hauptvorwürfe gegen Bergoglio beziehen sich auf die Aussagen zweier verschleppter Jesuiten, die schließlich wieder freigelassen wurden. Weil sie Anhänger der Befreiungstheologie waren, ist ihnen befohlen worden, aus der Tätigkeit in den Slums auszusteigen. Da sie das nicht gemacht haben, seien sie ausgeschlossen und denunziert worden und damit zum Freiwild für die Todesschwadronen geworden. Bergoglio sagt, er hätte sich hinter den Kulissen für ihre Freilassung eingesetzt. Einer der gekidnappten Jesuiten lebt jetzt in Oberfranken und meint jetzt nur mehr, dass er sich mit dem Kardinal versöhnt habe. Das sagt eigentlich eh sehr viel.

Ich habe mir nun aus verschiedenen Artikeln folgende vorläufige Meinung gebildet: Das Verhalten des jetzigen Papstes während der Militärdiktatur war nicht rühmlich, wäre aber durch eine offene Stellungnahme korrigierbar, und vor allem könnte man die notwendigen Lehren durch konkretes Handeln ziehen (die geleistete allgemeine Entschuldigung der argentinischen Kirche voriges Jahr – 30 Jahre nach Ende der Diktatur – ist eventuell ein erster Schritt, aber doch etwas wenig).

Noch weniger rühmlich ist die heutige Medienstellungnahme des Vatikans, die alles als Anschwärzen durch Linke hinstellt – das hat mich zu diesem Artikel veranlasst.

 Was bedenklich macht, ist die Hypothese, die von Linken in den USA (siehe „Democracy now“) und auch in Lateinamerika vertreten: so wie der polnische Papst als Fanal zum Zusammenbruch des Ostens gewählt worden sei, könne der jetzige Papst als wichtiger Schachzug gegen die Linksregierungen von Argentinien bis Venezuela gesehen werden. Ein Beleg dafür ist zunächst die weitgehende politische Konfrontation des Kardinal Bergoglio gegenüber der mehr oder weniger progressiven Regierung Kirchner in Argentinien. Aber wirklich überzeugend find ich das eigentlich derzeit nicht.

 Es bleibt daher die Hoffnung, dass dem Bekenntnis zu Franziskus, der Parteinahme für die Armen und die Natur konkrete Taten folgen. Kürzlich, noch als Kardinal hat der Papst die globalen Ungerechtigkeiten angesprochen. Es ist zu wünschen, dass nicht nur einzelne Kirchenteile, sondern die Kirche mit all ihren Mitteln nicht gegen sondern mit den globalen Kräften für mehr Gerechtigkeit und den Schutz des Planeten geht.