Tolles Theaterstück „Glanzstoff“ und letzte Phase der Glanzstoff

Das Theaterstück „Glanzstoff“, das gestern am 29.4. 2015 in St.Pölten uraufgeführt wurde, ist einmalig und das beste Theaterstück, das ich in NÖ bzw. zu einem NÖ-Thema gesehen hab: Das betrifft das Stück von Felix Mitterer sowie die Regie von Renate Aichinger, die das auf 12 Stationen im noch existierenden Werksgelände der Glanzstoff realisiert…

und auch die 55 Mitwirkenden aus der Bevölkerung. Es ist auf der Höhe von „Alpensaga“ oder „Arbeitersaga“, und stellt nicht nur für den Raum St.Pölten, sondern für NÖ insgesamt eine notwendige historische Identität aus der fortschrittlichen ArbeiterInnenbewegung her

 Ich nehme das zum Anlass, zur letzten Phase der Glanzstoff auch für mich aufzuarbeiten und noch folgendes festhalten:

1. Herr Grupp, der Letzteigentümer bzw. noch immer Eigentümer der Glanzstoffliegenschaften – seines Zeichens ein signifikanter Vertreter seiner Klasse mit einer langen geschichtlichen Linie – hat das Werk in den 90er Jahren praktisch geschenkt bekommen und dann doch schöne Gewinne (siehe Beilage AK; die letzten Verlustzahlen bezweifle ich angesichts der damaligen Verdreifachung der Absatzpreise)

2. Das Ende der Glanzstoff war der Kombination von vier Grund-Faktoren und zwei Anlässen zuzuschreiben

Die vier Grund-Faktoren

· Der Kapitaleigner wollte nicht viel Geld in die Hand nehmen, um die Glanzstoff umweltmäßig zu sanieren, obwohl er jahrelang ordentlich abgeschöpft hatte.

· In St.Pölten war es die Bevölkerung immer mehr leid die negativen Auswirkungen der Glanzstoffemissionen auf die Gesundheit zu akzeptieren.

· Der Kapitaleigner hatte durch seinen international strukturierten Konzern neue Möglichkeiten im Auge mit niedrigeren Löhnen und ohne ökologisch sensibilisierte Bevölkerung noch mehr Gewinn zu machen

· Die Vertretung der Beschäftigten im Werk und außerhalb (ÖGB) war nicht mehr bereit Kämpfe zu führen

 

Die zwei Anlässe:

· Der Großbrand im Werk, der monatelange Stillstand, und die Notwendigkeit für Neuinvestitionen

· Die internationale Finanz- und Wirtschaftskrise

 3. Im Juli 2008 wurde nun vom Kapitaleigner das AUS mit Ende des Jahres angekündigt

 Wie ich die hallende Stille von Seiten SP und Gewerkschaft realisiert hatte, bin ich der Sache nachgegangen. Zunächst hab ich gesehen , dass die Glanzstoff auf einer Homepage Mitarbeiter suchte. Ich hab dann in der Folge etliche Blog geschrieben, die in etwa die weitere Entwicklung abbilden

*Glanzstoff macht in St. Pölten dicht – Fusstritt für 327 Menschen trotz „angemessener Ertragslage“ – ein Geschichte wie im Bilderbuch

www.purkersdorf-online.at/blog/baum.php?itemid=100 * Glanzstoff-Aus ist fast so, wie wenn in Linz die Voest untergeht www.purkersdorf-online.at/blog/baum.php?itemid=101

Ich habe mich, – vor allem, weil ich seit meiner Kindheit Leute kenne, die in der Glanzstoff arbeiten – und ich das wichtig finde – mit der geplanten mutwilligen Sperre des Betriebs, der Vernichtung von Werten unter Inkaufnahme der völligen Unsicherheit für hunderte Familien beschäftigt, und hab daher ein bisschen mitgeholfen, dass es bis zum Schluss eine Gegenwehr gibt.

Ich hab mit Betriebsräten usw. geredet, sie waren zunächst noch bei diversen Treffen dabei, zogen sich dann aber zurück, und es bildete sich aus der Betriebsfeuerwehr (die hatte auch durch ihren ungeheuren Einsatz beim Großbrand großes Ansehen) um ihren Kommandanten Friedrich Band eine eigene Gruppe, die Plattform „Pro Glanzstoff„. Diese Gruppe organisierte eine Kundgebung aus dem Werk heraus:

*Über diese Kundgebung am 25.7 hab ich den Blog geschrieben: „Glanzstoff-Beschäftigte nehmen Kampf um Arbeitspätze auf“

www.purkersdorf-online.at/blog/baum.php?itemid=102

Darin findet sich auch die Presseerklärung der Betriebsseelsorge St.Pölten

*Eine sehr plastische Beschreibung dieser Kundgebung findet sich auf:

Ein längerer guter Bericht über die Kundgebung am Donnerstag- zu dem nicht viel hinzuzufügen ist, findet sich auf
http://www.derfunke.at/html/index.php?name=News&file=article&sid=1288>

*Der nächste Blog Glanzstoff aktuell und wie weiter umfasste auch ein Interview: www.purkersdorf-online.at/blog/baum.php?itemid=103 *Neustes zu Glanzstoff: Unglaubliche „Zufälle“- erbarmungsloses Abkassieren www.purkersdorf-online.at/blog/baum.php?itemid=105 *Glanzstoff: Die Solidarität wird breiter Die Plattform „Pro Glanzstoff“ hat sich nun um diverse Aussenstehende wie mich, hauptsächlich jüngere Leute, auch aus der türkischen community in St.Pölten unter dem Motto der „Solidarität“ erweitert www.purkersdorf-online.at/blog/baum.php?itemid=107 In diesen Tagen rückt die SP offenbar endgültig von der Glanzstoff ab; wir bemühen uns aber noch immer um ihre Unterstützung *Glanzstoff: Verschärfung der Situation http://www.purkersdorf-online.at/blog/baum.php?itemid=108 Nun trat auch gerade die ÖVP auf und warf den Sozialdemokraten „Verrat an den Arbeiterinnen und Arbeitern der Glanzstoff“ * Bilanzen zeigen riesige Werte: Schließung wäre gigantische Vernichtungsaktion www.purkersdorf-online.at/blog/baum.php?itemid=109 *Die Solidarität mit Glanzstoff-ArbeiterInnen wird breiter www.purkersdorf-online.at/blog/baum.php?itemid=111 Umfasst einen deftigen Solidaritätsbrief des Lenzing-Betriebsratobmanns, der immerhin an die 300 Leute vertritt; und noch dazu quasi aus einem Konkurrenzkonzern: „Als Arbeitnehmer bekommt man nicht die Gerechtigkeit kostenlos, diese muss man sich erkämpfen?..Was wir brauchen sind Menschen mit Rückgrat!….“ *Werden Glanzstoffarbeiter jetzt auch von Gewerkschaft im Stich gelassen? Ein Gerücht war auch, dass ein Betriebsratsobmann nun einen Job im Rahmen der Gewerkschaft bekommt?. www.purkersdorf-online.at/blog/baum.php?itemid=118 *Rettet Feuerwehr ein zweites mal Glanzstoff? DEMO! www.purkersdorf-online.at/blog/baum.php?itemid=119 *Dramatische Wende bei Glanzstoff: Unternehmer verweigert Unternehmerrolle http://www.purkersdorf-online.at/blog/baum.php?itemid=121 *Glanzstoff: Nach Flucht in Stilllegung lässt Unternehmer Beschäftigte im Unklaren http://www.purkersdorf-online.at/blog/baum.php?itemid=124

(In der Beilage „Für AUGE“ ist der Stand der Auseinandersetzungen von Anfang September 2008 (vor Schließung) festgehalten)

Die letztlich entscheidenden Tage fielen – im nachhinein betrachtet nicht zufällig -mit den Tagen des unmittelbaren Ausbruchs der Finanzkrise ab der Lehman-Pleite am 15.9. 2008 zusammen. (Die globale Tragweite der Ereignisse in der Finanzwelt bekamen wir auch deswegen zu diesem Zeitpunkt nicht mit, weil wir eben kaum Zeit hatten uns darüber zu informieren

Die Anweisung auf Einstellung der Produktion erfolgte am 17.9.2008 mittag durch Herrn Grupp, einen Tag nach einer Demo unseres Komitees vom Werk zum Gewerkschaftshaus am Bahnhof – (Das war praktisch der Schritt, der bei einem Patienten alle Geräte abschaltet). Damals vermuteten wir zunächst, Grupp hätte Angst vor uns bekommen und wolle Fakten schaffen. Jedenfalls waren wir leider völlig überrascht worden: Denn Grupp hatte immer verlauten lassen, dass er die Produktion bis Jahresende auf jeden Fall weiter laufen werde, und wir hatten darauf auch gesetzt, denn dies machte auch geschäftlich Sinn für ihn, weil die Viskosepreise enorm hoch waren. Doch dann realisierte er offenbar schnell die Vorgänge in den USA mit der Lehman-Pleite und was dies einerseits für die Nachfrage bedeuten würde; und so die weitere Vermutung bzw. Erklärung, er nutzte das Chaos der Finanzkrise, um die Verlagerung beschleunigt durchzuziehen.

Die Abschaltung der Anlage dauerte ca. 3 Tage. Konsequenz war jedenfalls, dass danach nur mehr wenige Leute im Werk waren, und de facto keine Mobilisierung mehr möglich war, zumal die Leute ja bis Jahresende weiter bezahlt wurden, und auch weil die Leute von der Gewerkschaft so enttäuscht waren.

Damit war aber auch die Strategie von „Pro Glanzstoff“ am Ende: Wir wollten mit Teilen des früheren Managements, die noch immer mit dem Werk verbunden waren, und durch weitere Mobilisierung eine Fortführung des Werks erreichen, wobei eine „Selbstverwaltung“ eine Variante gewesen wäre.

· Faktum ist, dass der Sozialplan nicht besonders und jedenfalls wenig erfolgreich war · Faktum ist, dass diverse Versprechungen mit Ersatzarbeitsplätzen sich in Luft auflösten. · Faktum ist, dass die meisten Glanzstoffler dann lange Arbeitslosigkeitzeiten hatten

In Anlage hab ich eine Diplomarbeit gegeben:“Analyse und Beschreibung individueller Copingstrategien bei gekündigten ArbeitnehmerInnen der Glanzstoff – Austria St. Pölten nach der angekündigten Betriebsschließung unter besonderer Berücksichtigung von Krisenintervention“

 Übrigens: Es ist ja nicht unbekannt, aber ich möchte es nur erwähnen, dass der derzeit sozusagen bei Voith, beim zweiten großen historischen St. Pöltner Industriebetrieb eine drastische Abbauwelle läuft- auch im Sinne einer Konzern-Gesamtprofitoptimierung

Ich suche vor allem jemand, der das, was ich in Kürze zu beschreiben versucht habe, noch fundierter aufarbeitet.