Zum Ableben von Josef Baum

Baba, PapaEin Baum ist nicht mehr, der Wald bleibt- Zum Ableben von Josef Baum (1925- 2015)

 Als meine Mutter am Abend 6. September anrief und meinte, es gehe meinem Vater nicht gut, war das nicht das erste Mal.

(Ich nahm mir gerade die Zeit auf der Jesuitenwiese noch die (tolle) Neufassung der „Proletenpassion“ anzuhören). – Immerhin hatte er in den letzten Jahren schon zweimal „letzte Ölungen“ erhalten, aber ignoriert. Als ich dann Vater aber sah, hatte ich das Gefühl, jetzt wird es wirklich bald so weit sein. Die Nacht auf den 7. September verbrachte ich daher bei ihm, während ich meine Mutter zeitweise zu schlafen bat. Viel geht in so einer Nacht durch den Kopf, zumal ich mit ihm nicht nur den Namen gemeinsam hab. Was bleibt? – Wir glaubten dann, dass er doch noch etliche Zeit um Luft kämpfen werde. 10 Minuten, nachdem ich schlafen wegging, ging um 5 Uhr aber auch er. „He passed away“, wie die EngländerInnen sagen.

 Was immer man über den Tod schreibt, ist sensibel. Nun war Alzheimer für mich bis vor einigen Jahren nur der Namen für eine Krankheit. Mein Vater war nun trotz relativer körperlicher Fitness in einem fortgeschrittenen Stadium von Alzheimer. Ich hatte mich in einer früheren Phase längere Zeit mit der Suche auch in der chinesischen Medizin damit beschäftigt, wie das aufzuhalten wäre, habe aber schließlich – was an sich selten mache – kapituliert. Wenn auch dann viel von einer positiven Sicht auf diese Krankheit gesprochen wird, das kann man wirklich absolut niemand wünschen.

 

Es ist zwar nicht der erste Nachruf, den ich schreibe, aber sicher einer, der mich mehr bewegt. Ich hatte zu meinem Vater zeitweise eine durchaus nicht einfache Beziehung, durch diese bin ich aber zu einem wesentlichen Teil geworden wie ich bin. Ich bitte daher um Verständnis, dass das nicht ganz kurz wird. Zunächst daher auch eine

 

Kurzfassung: Mein Vater war Bauer im Tullnerfelder Dorf Pixendorf. Ich behalte ihn vor allem mit 7 Eigenschaften in Erinnerung: Musikliebe, Humor, Fleiß, starker Wille und Beharrlichkeit, öffentliches Engagement, Aufgeschlossenheit gegenüber Neuem, Gelassenheit.

 

Mit mindestens 7 Eigenschaften bleibt mir mein Vater im Gedächtnis und Herzen:

 

1. Er war ein musikliebender Mensch. Er hat anderen mit deinen Darbietungen viel Freude gemacht. In unseren Breiten – außer in den Bergen – sind solche Menschen schon selten geworden. Bekanntlich kann man mit Musik oft viel mehr aussagen als mit Worten. Und es heißt ja auch bekanntlich: „Wo man singt, da laß dich nieder“ usw. Er machte nicht nur zu festlichen Anlässen, sondern immer wieder auch im Alltag Musik, sogar manchmal auch zu Mittag zwischen schwerem Arbeiten in der Landwirtschaft. Er spielte für sich selbst und für andere. Er sang und spielte mehrere Instrumente. Die Trompete spielte er später nur mehr im schalldämpfenden Keller. Er hat sogar ein Ein-Mann-„Orchester“ gehabt, und das war so: Er spielte ein Musikstück jeweils hintereinander auf verschiedenen Instrumenten, nahm dies jeweils auf und brachte so eben ein kleines Orchester zusammen. Heute ist so etwas technisch viel leichter, in den 60er Jahren war das schon was Besonderes. Bei den Neujahrskonzerten ließ er es sich oft nicht nehmen, mit der Geige zur Fernsehübertragung mitzuspielen.

Feierobnd is – D‘ Orbat is ton“

 

Das erste mal, als er nach einer „letzte Ölung“ wieder aufwachte, stimmte er zur Verblüffung der Anwesenden “ So ein Tag, so wunderschön wie heute“ an.

Vater konnte ja hunderte Lieder auswendig spielen und singen. Er hatte mir einmal gesagt „Rundumadum“ sei das Lied, das ihm am meisten gefällt. Das wenig bekannte niederösterreichische Volkslied drückt das Gefühl nach getaner (schwerer) Arbeit aus, gehört inzwischen auch zu meinen Favoriten und wird mich auf immer an ihn erinnern:

 

„Rundumadum läuten die Glock’n so schen –

Feierobnd is – loßt’s enga Oabat iazt steh’n.

 ?fleißi bist gwen, für heit is‘ scho gnuag.

 D‘ Orbat is ton, wieda a Tagwerk vollbracht?.“

 

2. Er war und blieb ein fleißiger Mensch: er hat es durch eigene Arbeit zu etwas gebracht. Eigene Arbeit und Fleiß zählten bei ihm. Das klingt wie eine Floskel, ist aber gerade in letzter Zeit ja gar nicht selbstverständlich, wie man an Beispielen aus fern und nah sieht.

Oft sagte, er hätte gerne auch mehr gelernt, ohne deswegen damit zu hadern. So bestellte er sich Ende der 50er Jahre Englisch-Kursmaterialien, damals durchaus nicht üblich für einen Bauern. Damit zusammen hängt das, was er immer wieder gesagt hat: Es zählt, was man kann und was man im weiteren Sinn gelernt hat; und was man gelernt hat, kann einem niemand nehmen. – Für diese Maxime und die praktischen Folgen daraus für meinen Bildungsweg danke ich ihm am allermeisten; denn das war in der Umgebung nicht unbedingt die übliche Ansicht – manchmal hörte man, dass zu viel Bildung nicht nur zu viel koste, sondern sogar zu unangemessenen Ansichten führen könne.

 

„Witzopa“

 

3. Er war ein humorvoller Mensch. Auch als schon er meinte, sein Gedächtnis lasse nach, wusste er immer wieder passende Witze und treffende auflockernde Bemerkungen einzuflechten. Sein Enkel Manuel bezeichnete ihn durchaus treffend auch „Witz-Opa“. – Meist ist ja Humor mit Geistesschärfe verbunden, mit Humor sieht man eben Dinge aus verschiedenen Blickwinkeln, und kann wie bei einem Kippbild überraschend durch Doppelbedeutungen alles erfrischend auflockern.

Den Humor hat er sich erstaunlicherweise bis in die letzte Zeit erhalten, wenn er etwa bei einem Fauxpas die Zunge zeigte.

 

4. Er machte auch für die Öffentlichkeit vieles, insbesondere hat er viel Zeit im Prinzip für Gotteslohn für die Tätigkeit als (geschäftsführender) Gemeinderat verwendet. Er machte vor allem auch vieles für die Dorfgemeinschaft. Eine weitere politische „Karriere“ schlug er nicht ein, und das kam so: Irgendwann in der zweiten Hälfte der 60er Jahre standen auf einmal mindestens 10 Männer in der Küche und schauten ernst, die Mama schaute auch ernst. Ich musste dann den Raum verlassen. Später war zu erfahren, dass die über 10 Männer Gemeinderäte waren und wollten, dass Papa Bürgermeister wird. Er machte das aber letztlich nicht- vielleicht weil Mama dazu doch eine sehr entschiedene Meinung vertrat. Der, der dann der Meister der Bürger wurde, blieb es dann mit einer Rekordzeit von fast 35 Jahren.

Er hat immer gesagt, öffentliche Arbeit muss absolut sauber sein. Freunderlwirtschaft und Missbrauch öffentlicher Ämter haben ihn massivst geärgert.

– Nebenbei spielte Vater oft mit der Dorfjugend auch nach der Arbeit und am Wochenende viel Fußball, wobei er mit Kraft und wenig technisch spielte.

 

„Bamschedl“ im (Chemikalien-)Krieg

 

5. Er hatte einen starken Willen, und Direktheit und Beharrlichkeit zeichneten ihn aus. Was er sich vorgenommen hatte, machte er auch, auch wenn es schwierig wurde. Und er ist auf seinem Weg geblieben, auch wenn er nicht allgemein akzeptiert war. Er war nicht ein Mensch geschwollener Worte und kam schnell zur Sache. Für andere war das natürlich nicht immer einfach. Im Dorf hat es zumindest früher den Begriff „Bamschedl“ gegeben; das war auf einen breiteren „Baum-Stamm“ bezogen, und das war auch kein reines Kosewort. Aber ich seh es positiv: insgesamt waren Direktheit und Beharrlichkeit – zusammen mit einem hochentwickelten Ordnungssinn – für ihn wichtige Werte.

Immerhin hat er dadurch unwahrscheinlich viel ausgehalten und ist lange fit geblieben, trotz – oder eventuell wegen – Jahrzehnten schwerer Arbeit in der Landwirtschaft, und da gab es auch noch keine „Schwerarbeits“-Regelungen. Und auch der Krieg war ja offenbar als andere als beschaulich. Immer wieder verblüfft mich im nachhinein, wie er später viel Most und vor allem wie er den von der Industrie in die Landwirtschaft gebrachten „Chemikalien-Krieg“ mit tagelangem Ausgesetztsein inmitten der Spritzmittelwolken z. B. im Weingarten – so wie es damals üblich war, ohne besondere Vorkehrungen (aus heutiger Sicht giftigste Stoffe wurden auch in der Küche auf der Kuchlwaage abgewogen) offenbar heil überstand.

Manchmal hatte ich – all das zusammen betrachtend – den Gedanken, dass er aus einem besonderen Holz geschnitzt sein musste. Ärzte würden vielleicht sagen: er muss eine „gute DNA-Replikation“ gehabt haben

 

In der Tradition Josefas und der Zeit voraus

 

6. Er war Neuem aufgeschlossen. Er hat immer wieder viel gesagt und gelebt, was ich dann später von anderen in komplizierteren Worten und Theorien etwa auf der Uni in Vorlesungen gehört hab: Z. B. Es ist gut der Zeit immer etwas voraus zu sein: Man soll Sachen als erste beginnen, wenn die Zeit gekommen ist; und als erste auch wieder aufhören, wenn die Zeit gekommen ist. (Ich denke etwa an die Umstellung auf Schweinezucht und das Aufgeben der Milchwirtschaft).

– Es gab eine Zeit, da hieß er zumindest für die Post „Baum Josef junior“ (später hab ich mich kurz auch so bezeichnet), und da dürfte er es mit seinem Tatendrang auch nicht immer leicht gehabt haben.

Jedenfalls: seine Großmutter hieß Josefa Baum, sein Vater war Josef, – so wie sein Sohn, und ein Enkel heißt im Zweitnamen Josef – ich dachte, dass direkte Vorgaben nicht mehr entsprechend seien.

 

7. Er stand – erst – in den letzten zwei Jahrzehnten den Dingen sichtbar gelassen gegenüber.

 

Mein Vater stand als Jugendlicher im Spannungsverhältnis von seinem Vater – der durch die eigenen furchtbaren Erlebnisse an den Fronten des Ersten Weltkriegs den Krieg und die Hitlerei so klar ablehnte, dass er 1938 eingesperrt und nur mit dem eindeutigen Hinweis entlassen wurde, dass er beim nächsten offenen Wort unwiderruflich weg sei – und einem Illegalen als Dorflehrer, der den Krieg propagierte. Etwa die Hälfte seiner Schüler kamen dann aus diesem propagierten Krieg nicht mehr zurück. Mit jungen 17 Jahren musste auch mein Vater in den Krieg. Was im zweiten Weltkrieg im Osten an Wahnsinn geschehen ist, ist ja weitgehend bekannt. Wenn man das aber aus den Aufzeichnungen des Vaters liest, ist es wieder etwas anderes. – Er hat seine zum Teil furchtbaren Erlebnisse festgehalten und nachher zusammengeschrieben. Fakt ist, dass er dabei mehrmals im unmittelbaren Angesicht des eigenen Todes stand, und – als LKW-Fahrer nicht immer an vorderster Front – letztlich Glück hatte. Dies ist wahrscheinlich auch die Erklärung, dass er gegenüber dem Tod eine – selten anzutreffende – gelassene Haltung hatte. Wenngleich aus den Aufzeichnungen hervorgeht, dass er sich trotz des Irrsinns der Vorgänge einen menschlichen Anstand bewahren konnte, hatten ihn diese Erlebnisse letztlich auf Jahrzehnte geprägt.

 

Zurück zu den Wurzeln

 

Und letztlich war aus heutiger Sicht diese Prägung von aussen auch der Hintergrund für unsere Konflikte, wobei ich – no na – aus heutiger Sicht auch etliches anders machen würde?.

Der erste Schritt wieder zueinander fand paradoxerweise am Domplatz in St. Pölten vor ca. 20 bis 25 Jahren statt: Wir trafen uns zufällig auf einer Kundgebung gegen den in St. Pölten eingesetzten Bischof Krenn – (überraschend) durchaus auf derselben Seite.

 

Die tiefste – für mich ungeheuer positive – Erkenntnis, die ich aus seinen letzten Jahren gewinnen konnte, ist vielleicht sehr persönlich, aber eventuell doch auch von allgemeinem Interesse: Sein Arzt sagte, dass ca. 90 % der Alzheimer-Erkrankten immer wieder aggressiv werden. Er gehörte aber offenbar zu den anderen 10 %, und er kehrte zu seinen Wurzeln zurück, und er wurde im Gegenteil wieder so liebenswürdig, wie er laut Erzählungen offenbar schon als Kind gewesen war.

 

Noch was Wichtiges: Meine Mutter wurde im Frühjahr 85. Sie hat den Papa so 65 Jahre – wie man heute gerne sagt – „begleitet“. Vielleicht doch auch ein bisschen geleitet, ein Beispiel ist oben angeführt. Es gab da viele große Herausforderungen, und schwere Momente. Was sie aber in den letzten Jahren in Begleitung und Pflege des Vaters getan hat, überstieg alles: Offensichtlich wäre er ohne sie schon lange früher gegangen.

 

Es bliebe natürlich noch viel über das vorige Jahrhundert zu sagen, etliches Widersprüchliches, und manches Persönliche soll auch persönlich bleiben. Und es gäbe auch noch viele Fragen. Es tut mir sehr leid, dass ich die Gelegenheit versäumt hab, ihn zu einigen Sachen zu einer Zeit als dies noch möglich gewesen wäre, genauer zu fragen. Ich glaube schließlich, es ist in seinem Sinne, wenn wir die Vergangenheit im Sinne der Herausforderung der Zukunft betrachten.

 

Ich werd bei Gelegenheit das auch noch erweitern, ev. auch einen chronologischen Lebenslauf machen. Ich nehme auch gerne Einsprüche oder weitere Anregungen entgegen.

2 Kommentare zu „Zum Ableben von Josef Baum

  1. Lieber Josef,

    sehr schön über deinen Vater zu lesen. Schön, dass du dir die Zeit genommen hast, das alles aufzuschreiben.

    Ich hoffe, dass deine Mama den Tod ihres so langjährigen Partners halbwegs gut verkraftet.

    Mein aufrichtiges Mitgefühl.

    Bina

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  2. Sehr berührend, Deine Abschiedsworte!
    Danke!
    Mit Alzheimer ist meine Mutter gegangen – ich weiß also, wovon Du sprichst!
    Aber viele in meinem Alter, (Jg.1940) beklagen, dass sie ihren Vätern nicht genug Fragen gestellt haben.
    Nun ist es aber zu spät!
    Vielleicht können wir einige ermutigen, diesen Fehler nicht zu machen.
    Liebe Grüße
    Herta Wessely

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