ÖTSCHER:REICH – Mythen der (sehenswerten) Landesausstellung

– Noch bis 1. November. – Die heurige NÖ-Landesausstellung gehört zu den bisher interessanteren, zumindest wenn man sie vom Gesichtspunkt des realen Arbeitslebens aus betrachtet. Einige (auch kritische) Kommentare.

Auch von der BesucherInnenanzahl dürfte die heurige Landesausstellung zu den gut besuchten gehören. Die Ausstellung umfasst 3 Hauptstandorte: In Laubenbachmühle, in den neu gebauten Hallen der mit nicht wenig Geld völlig erneuerten Mariazellerbahn, ist viel Aufschlussreiches des (früheren) Alltagslebens dokumentiert. Nicht zuletzt wird der dank des dunklen Himmels die sehr gute Sternsicht in diesem Teil von NÖ originell vermittelt.

In Wienerbruck wurde die „Ötscherbasis“ gebaut, als Ausgang für Wanderungen in die Ötschergräben, „ausgestellt“ ist dort nichts. Man kann aber mit der Bahn dorthin fahren.

Auch wenn man – wie ich – bisher nur einige Male mit der neuen Mariazellerbahn gefahren ist, ist zwar offensichtlich, dass die „Himmelstreppe“ – und ich find den Namen eigentlich ganz schön – für den Personenverkehr an sich kaum eine Bedeutung hat, wohl aber für den Tourismus. Natürlich kann das angesichts der beträchtlichen Kosten der Erneuerung von weit über 100 Millionen ? kritisiert werden, denn viele andere Regionalbahnen, bei denen die Erneuerung viel weniger gekostet hätte, wurden eingestellt und abgewrackt. Ich sehe es aber so, dass die Pielachttaler ordentlich für ihre Bahn aufgestanden sind, und deswegen der schon gefallene Einstellungsbeschluss wieder umgedreht wurde; und dass das, was mit der Mariazellerbahn geht, ja auch für anderen Regionalbahnen gelten sollte. – Im Vergleich zur – bis vor kurzem verkehrenden – alten Mariazellerbahn erscheint der Technologie- und Komfortsprung wie 100 Jahre, wenngleich die Reisezeit leider nicht fühlbar verkürzt wurde

Wirklich ein Erlebnis ist aber der Ausstellungsteil in Neubruck im „Töpperschloss“, nahe Scheibbs, das auch mit Shuttle-Bussen von Laubenbachmühle angefahren wird. Dort wurde im Rahmen eines uralten Industrieareals eine Revitalisierung eingeleitet, und es sollen dort demnächst dann auch Betriebe angesiedelt werden, was ja nicht bei allen Landesausstelllungen der Fall war. Was mich an dieser Ausstellung wirklich fasziniert hat, war die Nachzeichnung der Region als ein jahrhundertelanges Zentrum der Eisenverarbeitung, der Beschreibung der vielfältigen Arbeitsgänge dabei und auch der schweren Arbeit von Generationen. Nun hab ich mich damit ja schon früher beschäftigt, aber mir wurde dort tatsächlich die Tragweite und Tiefe der Prägung von Region und Leuten letztlich bis heute klar; und auch, warum mir diese Region und die Leute dort eigentlich immer schon so imponiert haben. Gut, es könnte dabei etwas weniger das Lied von den für ihre Arbeiter sorgenden Industriellen gesungen werden, aber etliche Fakten sprechen für sich.

Es gibt noch einige weitere interessante Nebenstandorte, wie etwa die Ausstellung über die größte Evangelische Gemeinde in NÖ, in Mitterbach, leider zu wenig beworben. Dort wird das (harte) Leben der Holzarbeiter beschrieben, die aus dem Salzkammergut dort angesiedelt, sich erst unter Josef II als „Geheimprotestanten“ outen konnten.

Das gewichtige Buch zur Landesausstellung „ÖTSCHER: REICH – die Alpen und wir“ ist insgesamt durchaus empfehlenswert, wenngleich einigen Schlussfolgerung nicht fundiert sind. Der größere Teil des Buches stammt vom wahrscheinlich bekanntesten Alpenexperten und (deutschen) Geographen W. BÄTZING. Seine materialistische Methode der geschichtlichen Beschreibung und Aufarbeitung der sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen der Entwicklung der Region und auch der Arbeitsverhältnisse unterscheidet ihn positiv von manchen Kollegen. – Er hat übrigens auch gleichzeitig zusammen mit H. Hoffert-Hösl ein ebenfalls lesenswertes Buch „Der Ötscher – Wanderungen in den niederösterreichischen Kalkalpen“ herausgebracht.

Bätzing beschreibt die Entwicklung in den Alpenregionen vor allem durch zwei negative Tendenzen „im Sinne eines neoliberalen Zeitgeistes“ (S. 216): einerseits durch eine gewisse Entleerung und andererseits durch eine Verstädterung und Speckgürtelbildung (siehe etwa um Innsbruck), die zum Teil mit gewissen Formen dies Tourismus Hand in Hand geht. Im Vergleich dazu läge eben die Ötscher-Region gut. Der Beweis wird im wesentlichen so geführt, dass über mehr als 100 Jahre die Bevölkerungsentwicklung relativ stabil geblieben sei.

Resümierend spricht Bätzing für die Ötscherregion von einer „dauerhaft stabilen Situation“ (Seite 215 Buch), vom „größten zusammenhängenden stabilen alpinen Gebiet“ und vom „überzeugenden Beispiel nachhaltiger Entwicklung in der Alpen“ (Bätzing auf Konferenz 29.9.15). Doch ist das nicht eher ein Hubschrauberblick, wenn die Bevölkerungsentwicklung oder die Jugendabwanderung in den letzten Jahren und Jahrzehnten näher betrachtet.

Wen man aber die konkrete Entwicklung in Lunz, St. Ägyd, Mitterbach, Annaberg oder ganz exemplarisch in Lackenhof mit zum Teil ganz drastischen Rückgängen betrachtet, so ist das sehr schwer nachzuvollziehen.

Ich hab diese Argumente auch öffentlich auf einer Konferenz des Club NÖ zur nachhaltigen Regionalentwicklung mit Prof. Bätzing am 29.9. in Laubenbachmühle vorgetragen, und Bätzing hat im wesentlichen diplomatisch geantwortet, dass er eben pädagogisch vorgehe. Sprich, er will durch Betonung einiger positiver Momente – die es natürlich in etlichen Projekten gibt – die Region motivieren. Da ist Glück zu wünschen. Sicher, es gibt etwa im Pielachtal positive Projekte in Landwirtschaft, Holzverarbeitung, Tourismus und Kultur. Doch ist es nachhaltig, wenn die zwei Industrie-Unternehmen der Region wo am meisten Leute Arbeit finden, ausgerechnet nicht allzu nachhaltige Aluminium(verpackungs)produkte herstellen? Man kann sicher auch sagen, dass hier die Entwicklung viel günstiger ist, als in schon weitgehend entsiedelten Gebieten in den französischen oder italienischen Alpen, doch sagt das viel? Die Frage bleibt, ob die Wahrheit den Menschen zumutbar ist.

Faktum ist, dass wichtige Brüche in der Region, wie etwa die Einstellung der Ybbstalbahn vor einigen Jahren überhaupt nicht erwähnt werden. Manches noch Schlimmere ist leider ausgeklammert oder nur kursorisch erwähnt, wie etwa die NS-Zeit in der Region, konkret Massaker an ungarischen Juden oder das geheime Ausbildungslager am „Grünloch“, wo laut H. Geißlhofer immerhin 7000 Mann an Wehrmacht, SS und HJ stationiert gewesen sein sollen.

Es wäre letztlich auch nicht verwerflich, in einer solchen Ausstellung zumindest anzudeuten, dass die Milchpreis-„Liberalisierung“ oder TTIP die Region von bäuerlicher Arbeit weiter entleeren wird.

– Jedenfalls ist alles noch bis zum 1. November zu sehen?.